Wer sind eure Joneses? – Achtung, lang!

Keeping up with the Joneses – das heißt, (mindestens) das gleiche haben zu wollen, was auch Nachbarn und Freunde ihr Eigen nennen. Im Grunde ist der Mensch nämlich ein Affe und will durch seine Besitztümer demonstrieren, dass er im sozialen Ranggefüge durchaus mithalten kann. Das Problem dabei ist: Wir kennen diese Familie Jones nicht wirklich. Wir sehen vielleicht das große Haus, das PS-starke Auto und die coolen Klamotten. Doch die Besitztümer sind nie das, was die Joneses ausmacht. Wir können den Eisberg unter der Güterspitze nicht erkennen. Vielleicht haben die Nachbarn dafür Schulden gemacht? Vielleicht arbeiten sie bis zum Umfallen und haben kaum Zeit, ihren “Reichtum” zu genießen? Vielleicht sind sie gar kaufsüchtig? Vielleicht ist mangelndes Selbstbewusstsein oder die Angst, eben nicht in der Affenhorde hochrangig zu sein, der Auslöser? Daher finde ich “be careful what you wish” – vermutlich haben auch die Joneses ihr Päckchen zu tragen und es lohnt sich nicht, in diesen Wettbewerb einzusteigen. Warum nicht? Eben weil es ein Wettbewerb ist – man wird sich immer weiter gegenseitig hochschaukeln, immer einen Tick mehr haben wollen als der Nachbar hat. Dies resultiert in einer endlosen Negativspirale, in deren Strudel man schnell vergisst, das, was man hat, zu genießen.

Neben diesem Tunnelblick auf die Güter der sprichwörtlichen Jones gibt es eine weitere Realitätsverzerrung: Wir haben meist nicht nur die Jones um uns, sondern auch die Müllers und Schmidts und wie sie alle heißen. Und sie alle stehen in diesem Wettbewerb – doch auch hier ist bei jedem nur ein Teilausschnitt der Wirklichkeit für uns sichtbar. Und wir picken uns die Rosinen raus – zumindest würden wir das gerne. Wir möchten die Villa der Meiers, die grandiosen Fernreisen der Müllers und das geile Soundsystem der Schmidts – und dann noch die Freizeit der Singers und das Aussehen der Hofers und die Kinder der Kellers.

Was wir nicht möchten: den Herzinfarkt von Herrn Meier, den Autoverzicht der Müllers, die Einsamkeit der Schmidts, die Eheprobleme der Singers, die Depressionen der Hofers und die kranken Eltern der Kellers. Insofern – wir sollten uns überlegen, ob wir nicht lieber aus diesem Teufelskreis aussteigen – es wird immer, IMMER, jemanden geben, der in einem bestimmten Bereich mehr hat als wir. Wollen wir uns nicht lieber überlegen, was WIR wirklich brauchen? Unserem eigenen Lebensentwurf folgen? Wenn dieser bedeutet, 70 Stunden die Woche zu arbeiten, um ein großes Haus zu unterhalten, dann ist das in Ordnung – aber sich dann gleichzeitig zu beschweren, man hätte keinen Freundeskreis mehr und die Gesundheit würde darunter leiden – nein, das gilt nicht: Diese Prioritäten hat man selbst gesetzt.

Natürlich bin ich davor nicht gefeit und so habe ich schwer gehirnt, was wohl meine Jones und Schmidts etc. haben, was ich gerne hätte. Großes Haus, dicke Karre – kratzen mich nicht. Aber tolle Urlaube – am besten mit Rucksack, coole Inneneinrichtung, Nutz- oder Schrebergarten – da könnte ich schwach werden. Jammern auf hohen Niveau, schätze ich, eigentlich habe ich alles Materielles, was Mensch braucht, sogar noch viel mehr.

Bei Menschen, die vor Energie und Kreativität nur so strotzen, kommt bei mir öfter ein Neidgefühl zustande.  Das gelbe Monster taucht auch dann auf, wenn ich Menschen treffe, die mit Haut und Haaren nach ihren Überzeugungen leben, Rückgrat haben, mutig sind. Aber – vermutlich haben auch diese alle an anderer Stelle Themen, die sie lieber nicht hätten. Was ist Eure Meinung? Habt Ihr auch Joneses? Wie geht ihr damit um?

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3 Gedanken zu „Wer sind eure Joneses? – Achtung, lang!

  1. widerstandistzweckmaessig

    Hallo!

    Oh ja, dem kann ich sehr viel abgewinnen. Das sage ich auch immer, wenn jemand über einen anderen etwas schimpft. „Du weißt gar nicht, warum der andere etwas so oder so gemacht hat“

    In Wahrheit ist die Intoleranz der Menschen an der Misere schuld. Intoleranz uns selbst und anderen gegenüber. Wenn wir uns selbst und auch die anderen so annehmen könnten, wie wir bzw. sie wirklich sind, dann wäre alles viel einfacher.

    lg
    Maria

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  2. Liz

    Sehr guter Artikel!
    Ich glaube mir geht es da ähnlich wie dir, auf materielle Güter bin ich eigentlich nie neidisch. Auf was ich aber immer wieder, mit dem Vergleich im Nacken, neidisch bin sind kreative und denkerische Leistungen anderer.
    Ich hoffe aber irgendwann mich von dem „gelbe Monster“ trennen zu können und es durch Inspiration und Antrieb ersetzen zu können.

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