Gelesen: Walden oder Leben in den Wäldern

Beschäftigt man sich etwas mit Minimalismus, scheint an einem Buch kein Weg vorbeizugehen: Henry David Thoreaus “Walden”. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis dieser Klassiker auch mir vor die Augen gerät. Thoreau beschreibt darin sein – vermeintlich – karges Leben in einer Blockhütte in Massachusetts. In der selbst gebauten Behausung verbringt er über zwei Jahre, die er nutzt, um die (richtige) Art zu leben, unter die Lupe zu nehmen. Mitte des 19. Jahrhunderts verfasst, muten manche Ausführungen heute etwas eigenartig an – doch wer weiß, vielleicht ist die Eisenbahn tatsächlich die Wurzel allen Übels? Die Essenz daraus ist heute genauso aktuell wie damals. Er zeigt wenig Verständnis für diejenigen, die mehr anhäufen als sie benötigen, genauso nimmt er die aufs Korn, die sich für mehr Land, für Ackerbau und Häuser, auf Generationen hin verschulden – und doch lebenslang Gefangene ihres Eigentums bleiben. So wundert es nicht, dass viele seine Ideen Eingang in Minimalmusbücher -und Blogs gefunden haben: Auch ich kann mich nicht bremsen, hier ein paar davon zum Besten zu geben.

  • Überflüssiger Reichtum kann nur Überflüssiges erkaufen.
  • Hütet Euch vor allen Unternehmungen, die neue Kleider und nicht vielmehr einen neuen Träger derselben verlangen. Ist der Mensch nicht neu, wie soll der neue Anzug passen?

Ein anderer Absatz aus Walden kommt vielleicht den etwas älteren unter euch bekannt vor?

  • Ich ging in die Wälder, weil ich bewusst leben wollte. Ich wollte das Dasein auskosten. Ich wollte das Mark des Lebens einsaugen! Und alles fortwerfen, das kein Leben barg, um nicht an meinem Todestag Innezuwerden, daß ich nie gelebt hatte.

Für die Jüngeren: Das ist das Motto, das sich der Club der toten Dichter gegeben hat :-). Zum Thema Bildung und Studenten hat Thoreau auch einiges zu sagen. Das Leben selbst würden diese bei all der Studiererei verpassen. Was nützt die Theorie über Metallhärte, wenn man nicht in der Lage ist, ein Messer zu bauen oder es zu benutzen.

  • Ich meine, sie sollten nicht bloß Leben spielen oder dieses bloß studieren, während der Staat sie bei diesem kostspieligen Spiel unterstützt, sondern es im Ernst leben, vom Anfang bis zum Ende.“ (Walden, S. 60)

Würde der Philosoph via Zeitreise in die heutige, noch viel mehr überladene westliche Welt geraten, wäre er vermutlich daran verzweifelt, dass die Menschheit in den vergangenen 150 Jahren absolut nichts dazugelernt hat – sondern im Gegenteil, am Endstadium der von ihm entdeckten “Wohlstandskrankheit” leidet. Vermutlich würde er als durchgeknallter Spinner gesehen – Aussteiger wäre er heute wie damals. Allerdings frage ich mich, ob Einsteiger nicht vielleicht der treffendere Begriff ist: Schließlich steigt er mitten ins Leben ein, verlässt sich auf seinen eigenen Geist und seiner eigenen Hände Arbeit.

Wer also ein Buch mit mehr Tiefsinn als “Schmeiß alles weg, dann fühlst du dich befreit” sucht, der ist mit “Walden” gut beraten. Viel Spaß beim Lesen!

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2 Gedanken zu „Gelesen: Walden oder Leben in den Wäldern

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